Woher stammt die Idee für das Projekt?
. Ich entdeckte die Heilmethode des “Geheimnis" im Jahr 2018, als ich an einem Projekt im Jura arbeitete. Laura, eine Tanzkollegin, hatte sich drei Tage vor der Premiere den Knöchel stark verstaucht. Die Choreografin kontaktierte daraufhin eine Person, die mit der Methode des “Geheimnis” vertraut ist und sie aus der Ferne anwendet. Später an diesem Tag spürte Laura plötzlich eine Welle von völlig unbekannten Empfindungen in ihrem Knöchel. Sekunden darauf schrieb die Person, die das “Geheimnis" praktiziert, dass sie soeben die Verstauchung behandelt hatte. Laura konnte bereits am nächsten Tag wieder tanzen, laufen und springen.
. Die Ethnologin Jeanne Favret-Saada (vom Centre National de la Recherche Scientifique) hat viele solche "abnormalen" Erfahrungen gemacht. Sie untersuchte die zeitgenössische Hexerei in Frankreich in den 70er Jahren. Sie beschreibt zwei Fälle: Einerseits die Enthexung “für das Gute”, bei der Heiler:innen die Symptome des Verhexten aufheben. Andererseits die Enthexung, wo “das Böse” zurückgegeben wird. In diesem Falle befreit der/die Heiler:in den Verhexten und kämpft aus Distanz mit dem/der vermeintlichen Angreifer:in. Favret-Saada theorisierte dieses Hexensystem und die korrespondierenden übernatürlichen Phänomene. Sie schloss ihre Untersuchung mit einer bemerkenswerten wissenschaftlichen Synthese ab, die auf neun Schemata aufgebaut ist: Diese materialisieren alle Dynamiken, Zirkulationen und Metamorphosen von Raum, Energie und Kraft in der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Trotz anfänglicher Widerstände in der akademischen Gemeinschaft, revolutionierte Favret-Saada’s Studie die Sozialwissenschaften.

'Schema 8b: Wirkung der Enthexung' - Auszug aus ‘Die Wörter, der Zauber, das Leben’ Jeanne Favret-Saada, 1977
. Während meiner künstlerischen Recherche Le triangle d’incertitude (2023) machte ich erstmals eine Verbindung mit Jeanne Favret-Saadas Arbeit. Für meine Recherche interviewte ich damals zehn Wissenschaftler:innen. Ich war auf der Suche nach unerwartet poetischen Begriffen in ihrem Fachvokabular, sozusagen 'sprachlichen Anomalien'. Nebenentdeckung dieser Recherche: Mir war nicht wirklich bewusst, dass selbst die etabliertesten Wissenschaften immer nur ein Modell der Wirklichkeit und keine absolute Wahrheit darstellen. Ich fragte mich, wie die wissenschaftliche Gemeinschaft mit Phänomenen umgeht, deren potentielle Erklärung die aktuellen, für wahr gehaltenen wissenschaftlichen Modelle in Frage stellt? Später fand ich heraus, dass die Wissenschaftler:innen des Internationalen Metapsychischen Instituts seit über einem Jahrhundert einige dieser Phänomene untersuchen.

